Citizen Vigilante aus Sicht einer Traumatherapeutin: Wenn Trauma, Wut und Selbstjustiz aufeinandertreffen

Citizen Vigilante aus Sicht einer Traumatherapeutin: Wenn Trauma, Wut und Selbstjustiz aufeinandertreffen

Shivani Allgaier
von Shivani Allgaier

Warum ich mir Citizen Vigilante überhaupt angesehen habe

Triggerwarnung: se**uelle Gewalt, Mas*aker,  Kriegstrauma, extreme Gewalt

Wenn du selbst von Gewalt oder Traumatisierung betroffen bist und bemerkst, dass beim Lesen starke körperliche oder emotionale Reaktionen auftreten, unterbrich den Artikel und sorge zunächst wieder für Sicherheit und Stabilisierung.

---------------------------------

„Stell dir vor“, sagt mein Partner, als er nach Hause kommt. „Elon Musk hat einen umstrittenen Film für 48 Stunden kostenlos auf X freigeschaltet.“

Ich winke zunächst ab.

„Warum sollte ich mir den anschauen?“

Je mehr er erzählt, desto neugieriger werde ich. Ein Film, der in Deutschland keine FSK-Freigabe erhalten hat und nun weltweit diskutiert wird. Irgendwann gewinnt die Neugier.

Am Abend sitzen wir auf einer Matratze, die nach unserem Umzug vorübergehend unser Sofa ersetzt. Ich habe Champignons gebraten. Früher hätten vermutlich Chips zwischen uns gestanden. Heute eben Champignons.

Es ist ein völlig gewöhnlicher Abend.

Dann beginnt der Film.

Und auch er beginnt mit einem ganz gewöhnlichen Tag.

Eine Mutter geht mit ihrem kleinen Sohn einkaufen. Nichts deutet darauf hin, dass sich ihr Leben in den nächsten Sekunden für immer verändern wird.

Dann geschieht etwas, das ich als Traumatherapeutin nur schwer aushalten konnte.

Die Mutter wird völlig unvermittelt von hinten angegriffen und tödlich verletzt. Der kleine Junge muss mit ansehen, wie sie vor seinen Augen stirbt.

Ich merkte sofort, wie mein Körper reagierte. Mehrfach wandte ich den Blick ab. Nicht bewusst, sondern ganz automatisch. Manche Bilder wollte mein Nervensystem schlicht nicht aufnehmen.

Erst später wurde mir bewusst, warum mich gerade diese erste Szene so beschäftigt hat.

Nicht nur, weil sie brutal ist.

Sondern weil sie etwas zeigt, das wir alle als selbstverständlich voraussetzen.

Sicherheit.

Der Film beginnt genauso wie mein eigener Abend.

Mit Alltag.

Mit Normalität.

Mit der stillen Überzeugung, dass in den nächsten Minuten nichts Schlimmes passieren wird.

Genau dieses Grundgefühl zerreißt der Film innerhalb weniger Sekunden.

Und vielleicht ist das bereits seine wichtigste Botschaft?

Denn aus traumatherapeutischer Sicht beginnt ein Trauma häufig genau an diesem Punkt.

Nicht mit der Gewalt allein.

photo 1753438909615 c12555ff8b7b?crop=entropy&cs=srgb&fm=jpg&ixid=M3wxOTg1NDZ8MHwxfHNlYXJjaHwxNDh8fG1vdGhlciUyNTIwYW5kJTI1MjBzb24lMjUyMHNob3BwaW5nfGVufDB8fHx8MTc4MzEwNjkxOHww&ixlib=rb 4.1


Sondern mit dem abrupten Verlust der Gewissheit, dass die Welt ein sicherer Ort ist.

Von diesem Moment an habe ich den Film nicht mehr als Actionfilm gesehen.

Ich habe ihn als die Geschichte eines Nervensystems gesehen, das an diesem einen Augenblick seines Lebens stehen geblieben ist.

Für mich war das der rote Faden im Film: Der Film beginnt mit zerstörter Sicherheit. Und genau um Sicherheit geht es bis zur letzten Minute.

1. Die ersten Minuten von Citizen Vigilante: Warum ich mehrfach wegschauen musste

Die ersten Minuten des Films haben mich tief erschüttert.

Nicht, weil ich Gewalt im Film grundsätzlich nicht ertragen könnte. Sondern weil sie hier eine Intensität erreicht, die weit über das hinausgeht, was ich aus anderen Actionfilmen kenne.

Die erste Szene zeigt eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn beim Einkaufen. Alltag. Nichts Besonderes. Nichts, was auf das hindeutet, was wenige Sekunden später geschieht.

Dann wird die Mutter völlig unvermittelt von hinten angegriffen und tödlich verletzt. Der Junge muss zusehen, wie sie verblutet.

Mehrfach habe ich im Laufe des Films den Blick abgewendet. Nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Mein Körper tat es einfach.

Im Nachhinein bin ich sogar froh darüber.

Als Traumatherapeutin weiß ich, dass unser Nervensystem nicht nur auf reale Erlebnisse reagiert. Auch filmische Bilder können intensive körperliche Reaktionen auslösen. Unser Gehirn verarbeitet drastische Gewaltszenen erstaunlich unmittelbar. Herzschlag, Muskelspannung, Atmung und Aufmerksamkeit verändern sich innerhalb von Sekunden.

Manchmal schützt uns unser Nervensystem sogar besser als unser Verstand.

Während mein Kopf noch versuchte, die Szene einzuordnen, hatte mein Körper bereits entschieden: Das ist zu viel.

Genau deshalb konnte ich später auch gut nachvollziehen, warum der Film in Deutschland keine FSK-Freigabe erhalten hat. Nicht wegen seiner politischen Aussagen. Sondern wegen der Intensität seiner Bildsprache.

Mich hat allerdings noch etwas anderes beschäftigt.

Warum beginnt der Film genau so?

Warum wird ausgerechnet die völlige Normalität so konsequent zerstört?

2. Trauma statt Action: Wer der eigentliche Hauptdarsteller von Citizen Vigilante ist

Je länger ich den Film sah, desto mehr veränderte sich meine Perspektive.

Ich sah irgendwann keinen Selbstjustiz-Thriller mehr.

Ich sah die Geschichte eines traumatisierten Kindes.

Die Ermordung der Mutter dauert nur wenige Augenblicke.

Für den kleinen Jungen endet sie jedoch nie.

Aus traumatherapeutischer Sicht beginnt an genau diesem Punkt ein Prozess, den viele Menschen unterschätzen. Trauma bedeutet nicht nur, etwas Schreckliches erlebt zu haben. Trauma bedeutet, dass das Nervensystem einen überwältigenden Moment nicht mehr vollständig verlassen kann.

Der Körper bleibt innerlich wachsam.

Die Welt wird unberechenbar.

Vertrauen wird durch Kontrolle ersetzt.

Genau das beobachte ich auch beim Protagonisten.

Er reagiert nicht wie jemand, der frei entscheidet.

Er reagiert wie jemand, dessen Nervensystem seit Jahrzehnten dieselbe Frage stellt:

"Wie verhindere ich, dass sich dieser Moment jemals wiederholt?"

Seine Antwort lautet: Kontrolle durch Gewalt.

Psychologisch ergibt das zunächst Sinn.

Wer als Kind völlige Ohnmacht erlebt hat, entwickelt häufig ein besonders starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Das muss sich keineswegs in Gewalt ausdrücken. Manche Menschen kontrollieren jede Kleinigkeit ihres Alltags. Andere vermeiden Nähe. Wieder andere entwickeln einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Der Protagonist dieses Films wählt einen anderen Weg.

Er versucht, seine innere Ohnmacht dadurch zu überwinden, dass er selbst zum Richter und Vollstrecker wird.

Damit beginnt jedoch ein Kreislauf, den ich aus therapeutischer Sicht besonders tragisch finde.

Jede Gewalttat vermittelt ihm kurzfristig das Gefühl von Sicherheit.

Langfristig bestätigt sie jedoch genau das Weltbild, das durch das Trauma entstanden ist:

Die Welt ist gefährlich.

Nur ich kann sie kontrollieren.

Nur Gewalt schützt vor Gewalt.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik dieses Films.

Er erzählt nicht die Geschichte eines Mannes, der Frieden findet.

Er erzählt die Geschichte eines Menschen, dessen Leben in wenigen Sekunden aus der Bahn gerät und der diesen einen Augenblick nie wieder wirklich verlassen kann.

Das Trauma des Jungen wird ausführlich erzählt. Das mögliche Trauma der Täter bleibt unsichtbar.

Während der Film die Geschichte des Jungen ausführlich erzählt, erfahren wir über die Biografien der Täter fast nichts. Dennoch stellte sich mir als Traumatherapeutin eine Frage: Welche Geschichte trägt ein Mensch in sich, der zu einer solchen Gewalt fähig wird? Traumatisierung erklärt Gewalt, aber sie entschuldigt sie nicht. Gleichzeitig zeigt meine therapeutische Erfahrung, dass schwere Gewalt häufig aus Biografien hervorgeht, in denen Gewalt selbst eine Rolle gespielt hat. Vielleicht treffen in diesem Film nicht nur Täter und Opfer aufeinander, sondern mehrere traumatisierte Nervensysteme.


3. Warum Citizen Vigilante so viele Menschen emotional trifft

Je länger ich über den Film nachdachte, desto klarer wurde mir, dass seine eigentliche Wirkung nicht in den Gewaltszenen liegt.

Er berührt ein menschliches Grundbedürfnis.

Das Bedürfnis nach Sicherheit.

Sicherheit gehört zu den Grundlagen unseres Lebens. Wir denken selten darüber nach, solange sie selbstverständlich erscheint. Erst wenn sie verloren geht oder wir sie bedroht sehen, rückt sie schlagartig in den Mittelpunkt unseres Denkens.

Aus traumatherapeutischer Sicht ist das leicht nachvollziehbar.

Unser Nervensystem stellt ununterbrochen dieselbe Frage:

Bin ich sicher?

Erst wenn diese Frage mit "Ja" beantwortet werden kann, entstehen Vertrauen, Offenheit und Verbundenheit. Lautet die Antwort dagegen "Nein", übernimmt der Überlebensmodus. Der Blick verengt sich. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf mögliche Gefahren. Komplexe Zusammenhänge treten in den Hintergrund. Entscheidend wird nur noch, wie Sicherheit wiederhergestellt werden kann.

Genau an dieser Stelle entfaltet Citizen Vigilante seine größte Wirkung.

Der Film erzählt nicht nur die Geschichte eines traumatisierten Mannes. Er vermittelt zugleich das Gefühl, dass Sicherheit verloren gegangen ist und dass die Institutionen, die eigentlich Schutz bieten sollen, dieser Aufgabe nicht mehr gerecht werden.

Ob man diese Darstellung teilt oder nicht, ist für die psychologische Wirkung zunächst zweitrangig.

Entscheidend ist, dass der Film dieses Gefühl konsequent inszeniert.

Er zeigt Menschen, die Angst haben.

Menschen, die wütend sind.

Menschen, die den Eindruck haben, dass ihnen niemand hilft.

Und genau dort entsteht die emotionale Verbindung zwischen Zuschauer und Hauptfigur.

Nicht unbedingt über seine Taten.

Sondern über sein Ausgangsgefühl.

Über die Angst, dass niemand mehr da ist, der schützt.

4. Selbstjustiz als Antwort auf Ohnmacht? Die psychologische Botschaft von Citizen Vigilante

Es gibt einen Satz im Film, der mich besonders beschäftigt hat.

Sinngemäß sagt der Citizen Vigilante:

"Die Polizei ist nicht da, um euch zu beschützen. Sie kontrolliert euch. Ich beschütze euch."

Aus traumatherapeutischer Sicht ist dieser Satz hochinteressant.

Er richtet sich nicht in erster Linie an den Verstand.

Er richtet sich an das Sicherheitsbedürfnis.

Menschen wünschen sich keine permanente Alarmbereitschaft. Sie wünschen sich das Gefühl, ihren Alltag leben zu können, ohne ständig auf mögliche Gefahren achten zu müssen.

Wenn dieses Vertrauen verloren geht oder wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Sorgen nicht gehört oder ernst genommen werden, entsteht häufig zunächst Ohnmacht.

Bleibt diese Ohnmacht bestehen, entwickelt sie sich oft weiter.

Aus Ohnmacht wird Wut.

Aus Wut entsteht der Wunsch nach Kontrolle.

Und genau an dieser Stelle werden einfache Lösungen besonders attraktiv.

Der Film beantwortet diese Entwicklung mit Selbstjustiz.

Als Traumatherapeutin sehe ich darin keine Lösung, sondern einen psychologisch nachvollziehbaren Versuch, ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit zu überwinden.

Gerade deshalb halte ich den Film für so diskussionswürdig.

Er zwingt den Zuschauer, sich mit einer unbequemen Frage auseinanderzusetzen:

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen den Eindruck gewinnen, ihre Sicherheit selbst herstellen zu müssen?

Diese Frage lässt sich weder mit einem Actionfilm noch mit einem politischen Schlagwort beantworten.

Sie verdient eine ernsthafte gesellschaftliche Diskussion.

Denn Sicherheit entsteht nicht allein durch Gesetze.

Sie entsteht auch durch Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass Recht angewendet wird.

Vertrauen darauf, dass Straftaten aufgeklärt und verfolgt werden.

Vertrauen darauf, dass staatliche Institutionen transparent handeln und Schutz gewährleisten.

Wo dieses Vertrauen vorhanden ist, verliert die Idee der Selbstjustiz ihren Reiz.

Wo es schwindet, gewinnen Figuren wie der Citizen Vigilante an Überzeugungskraft. Genau das macht diesen Film aus meiner Sicht so verstörend und gleichzeitig so interessant.

Der Film zeigt nämlich nicht nur Gewalt, sondern auch den Umgang damit.

Besonders nachdenklich machte mich eine Szene, in der Angehörige das Verhalten eines jungen Täters relativieren. Er sei eben noch jung. Er habe sich nicht im Griff gehabt. Das Opfer wird gleichzeitig abgewertet. Als Traumatherapeutin kenne ich solche Dynamiken. Menschen versuchen manchmal, unerträgliche Realitäten erträglicher zu machen, indem sie Verantwortung verschieben oder das Geschehen herunterspielen. Das macht die Tat nicht weniger schwer. Es zeigt vielmehr, wie schwer es sein kann, sich der vollen Realität zu stellen.

5. Gewalt erzeugt neue Gewalt: Was Citizen Vigilante nicht erzählt

Während ich den Film sah, ließ mich noch ein anderer Gedanke nicht los.

Wir sprechen häufig über Täter und Opfer, als wären das zwei klar voneinander getrennte Gruppen.

Die Wirklichkeit ist oft komplizierter.

Als Traumatherapeutin frage ich mich unweigerlich: Welche Geschichte bringt ein Mensch mit, der zu einer solchen Brutalität fähig wird?

Diese Frage entschuldigt keine Straftat.

Ein Mord bleibt ein Mord.

Eine Gruppenvergewaltigung bleibt eine Gruppenvergewaltigung.

Schwere Gewalt verlangt nach einer klaren strafrechtlichen Reaktion und nach dem Schutz der Bevölkerung.

Gleichzeitig wissen wir aus der Traumaforschung, dass extreme Gewalt häufig weitere Gewalt hervorbringt.

Nach dem Vietnamkrieg zeigte sich beispielsweise, dass ein Teil der heimkehrenden Soldaten unter schweren Traumafolgestörungen litt. Manche entwickelten Flashbacks oder reagierten an bestimmten Jahrestagen mit massiver Übererregung. In einzelnen Fällen kam es auch zu schweren Gewaltdelikten. Das Trauma hatte den Krieg nicht beendet. Es hatte ihn in das zivile Leben mitgebracht.

Ähnliche Dynamiken wurden auch in Bürgerkriegen beobachtet.

Jugendliche in Ruanda wurden gezwungen, mitanzusehen, wie ihre Familien und Dörfer zerstört wurden. Manche mussten sich anschließend selbst an Gewalttaten beteiligen. Aus Kindern wurden Kämpfer gemacht. Ihr Nervensystem lernte nicht Vertrauen, sondern Überleben.

Wenn ein Mensch über Jahre hinweg lernt, dass Gewalt die einzige Sprache ist, die Sicherheit verspricht, dann verschwindet dieses Programm nicht mit dem Überschreiten einer Landesgrenze.

Es reist mit.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit Kriegserfahrungen gewalttätig wird. Ganz im Gegenteil. Viele entwickeln trotz schlimmster Erfahrungen eine erstaunliche Resilienz. Es bedeutet aber, dass schwere und unbehandelte Traumafolgestörungen das Verhalten tiefgreifend beeinflussen können.

Genau deshalb beschäftigt mich eine weitere Frage.

Was geschieht eigentlich mit Menschen, die aus Kriegs- und Foltergebieten zu uns kommen und schwer traumatisiert sind?

Wer hilft ihnen dabei, ihr Nervensystem wieder in Sicherheit zu bringen?

Wer verfügt über die Zeit, die therapeutische Ausbildung und die personellen Ressourcen, um sie über Jahre hinweg zu begleiten?

Traumatherapie ist keine Maßnahme, die sich nebenbei erledigen lässt.

Sie verlangt Stabilität.

Zeit.

Verlässliche Beziehungen.

Und hoch qualifizierte Fachkräfte.

Ich frage mich, ob wir diese Ressourcen in dem Umfang überhaupt haben, den eine solche Aufgabe erfordern würde.

Vielleicht diskutieren wir gesellschaftlich zu häufig darüber, wer Verantwortung trägt.

Und zu selten darüber, was notwendig wäre, um den Kreislauf der Gewalt tatsächlich zu unterbrechen.

Gerade darin sehe ich eine Leerstelle des Films.

Er zeigt eindrücklich, wie Gewalt eskaliert.

Er zeigt jedoch kaum, wie Gewalt endet.

Als Traumatherapeutin glaube ich, dass Sicherheit weder durch Verdrängen noch durch Vergeltung entsteht.

Sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, wo Täter konsequent zur Rechenschaft gezogen werden, Opfer wirksamen Schutz erfahren und traumatiserten Menschen, die bereit sind, sich auf einen oft langen therapeutischen Prozess einzulassen, die Möglichkeit eröffnet wird, wieder in einer sicheren und rechtsstaatlichen Gesellschaft anzukommen.

Wo nicht Kontrolle regiert, sondern Besonnenheit, Verantwortung und die Weisheit, wieviel Fremdheit eine Gesellschaft tragen kann.

Vielleicht ist genau das die schwierigste Aufgabe überhaupt.

Nicht Gewalt zu bestrafen.

Sondern zu verhindern, dass sie sich immer wieder neu erschafft. Sicherheit zu bieten ohne Kontrolle.

6. Citizen Vigilante zeigt den Kreislauf der Gewalt, aber keine Lösung

Je länger ich über Citizen Vigilante nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass der Film eine enorme emotionale Kraft entwickelt. Gleichzeitig bleibt er an einer entscheidenden Stelle erstaunlich still.

Er zeigt das Problem.

Er zeigt die Wut.

Er zeigt das Bedürfnis nach Sicherheit.

Seine Antwort lautet jedoch fast ausschließlich: Selbstjustiz.

Genau hier hätte ich mir mehr gewünscht.

Mich interessiert weniger, ob der Vigilante seine Gegner besiegt.

Mich interessiert vielmehr die Frage, wie eine Gesellschaft überhaupt an diesen Punkt gelangt.

Wie entsteht das Gefühl, dass Menschen sich nicht mehr geschützt fühlen?

Warum verlieren Menschen Vertrauen in staatliche Institutionen?

Welche Erfahrungen führen dazu, dass manche den Eindruck gewinnen, sie müssten ihre Sicherheit selbst herstellen?

Und vor allem:

Wie kann dieses Vertrauen wieder wachsen?

Der Film beantwortet diese Fragen kaum.

Er zeigt Symptome.

Die Ursachen bleiben weitgehend im Hintergrund.

Dabei wäre genau dort eine spannende Diskussion möglich gewesen.

Eine funktionierende Gesellschaft lebt davon, dass ihre Mitglieder darauf vertrauen können, dass Konflikte rechtsstaatlich gelöst werden. Dieses Vertrauen entsteht nicht allein durch Gesetze. Es entsteht durch nachvollziehbares Handeln, transparente Entscheidungen und die Erfahrung, dass Regeln für alle gleichermaßen gelten.

Ob dieses Vertrauen vorhanden ist oder verloren geht, wird gesellschaftlich sehr unterschiedlich bewertet. Genau deshalb wäre es aus meiner Sicht zu einfach, den Film lediglich als politischen Kommentar zu verstehen.

Mich interessiert vielmehr die psychologische Dynamik.

Denn unabhängig davon, wie einzelne politische Fragen beantwortet werden, bleibt ein Zusammenhang bestehen:

Wo Menschen Sicherheit erleben, sinkt das Bedürfnis nach Selbstjustiz.

Wo Menschen den Eindruck gewinnen, dass Sicherheit verloren geht, wächst die Anziehungskraft einfacher Lösungen.

Polizei in der Stadt


Vielleicht erklärt das einen Teil der Faszination dieses Films.

Nicht, weil seine Antworten überzeugen.

Sondern weil viele Zuschauer sich in den Fragen wiederfinden.

Auffällig ist außerdem, dass der Film seine Gewalttaten  von Migranten ausgehen lässt. Diese Entscheidung ist kein Nebendetail, sondern ist der rote Faden der Geschichte. Sie erklärt auch, weshalb der Film so kontrovers diskutiert wird. Gleichzeitig bleibt eine Frage offen: Welche gesellschaftlichen oder individuellen Hintergründe bringt der Film selbst zur Sprache? Über die Lebensgeschichten der Täter erfahren wir nahezu nichts. Damit entscheidet sich der Film bewusst für eine Perspektive. Er zeigt die Folgen der Gewalt sehr eindrücklich. Über ihre Entstehung erzählt er vergleichsweise wenig.

7. Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Sicherheit verloren geht?

Als Traumatherapeutin arbeite ich täglich mit Menschen, deren Vertrauen erschüttert wurde.

Nach einem Trauma verändert sich häufig nicht nur das Bild von sich selbst.

Es verändert sich auch das Bild von der Welt.

Plötzlich erscheint sie unberechenbar.

Gefährlich.

Nicht mehr selbstverständlich sicher.

Ich frage mich, ob sich ein ähnlicher Mechanismus auch auf gesellschaftlicher Ebene beobachten lässt.

Was geschieht, wenn immer mehr Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Sicherheit schwindet?

Was geschieht, wenn sie das Gefühl haben, mit ihren Sorgen allein zu sein?

Und was geschieht, wenn unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen dieselben Ereignisse vollkommen verschieden wahrnehmen?

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.

Nicht allein in den Konflikten selbst.

Sondern darin, dass wir immer häufiger über dieselben Ereignisse sprechen und dabei in völlig unterschiedlichen Wirklichkeiten zu leben scheinen.

Der eine empfindet eine Entwicklung als Zeichen wachsender Unsicherheit.

Der andere hält dieselbe Wahrnehmung für übertrieben oder verzerrt.

Zwischen diesen Polen wird es zunehmend schwieriger, miteinander ins Gespräch zu bleiben.

Der Film entscheidet sich für eine Seite.

Als Traumatherapeutin interessiert mich jedoch etwas anderes.

Mich interessiert, was Menschen brauchen, damit sie sich wieder sicher fühlen.

Denn Sicherheit entsteht nicht durch Angst.

Sie entsteht auch nicht durch Wut.

Und sie entsteht ebenso wenig durch Vergeltung.

Sie entsteht dort, wo Menschen darauf vertrauen können, dass sie gesehen werden, dass ihre Sorgen ernst genommen werden und dass Regeln nachvollziehbar und verlässlich angewendet werden.

Vielleicht liegt genau hier die wichtigste Frage, die Citizen Vigilante aufwirft.

Nicht, ob Selbstjustiz gerecht sein kann.

Sondern wie eine Gesellschaft verhindern kann, dass immer mehr Menschen sie überhaupt als denkbare Lösung empfinden.


Mein Fazit zu Citizen Vigilante aus Sicht einer Traumatherapeutin: Die eigentlichen Fragen beginnen erst.

Als der Abspann lief, saßen wir noch eine ganze Weile schweigend auf unserer Matratze.

Die Champignons waren längst aufgegessen.

Der Film war vorbei.

Meine Gedanken arbeiteten weiter.

Ich habe Citizen Vigilante nicht als gewöhnlichen Actionfilm erlebt. Dafür hat er mich zu sehr beschäftigt. Zu sehr verstört. Die explizite Gewalt war für mich kaum auszuhalten. Mehrfach habe ich instinktiv weggeschaut und im Nachhinein bin ich froh darüber.

Gleichzeitig verstehe ich, warum dieser Film so kontrovers diskutiert wird.

Er erzählt keine einfache Geschichte über Gut und Böse.

Er erzählt von einem Menschen, dessen Welt in wenigen Sekunden zerbrochen ist und der sein Leben lang versucht, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Und er erzählt von einer Gesellschaft, in der das Bedürfnis nach Sicherheit eine immer größere Rolle spielt.

Ob man die politischen Aussagen des Films teilt oder ablehnt, ist dabei gar nicht der entscheidende Punkt.

Mich beschäftigt vielmehr die Frage, warum der Film bei so vielen Menschen einen Nerv trifft.

Vielleicht, weil Sicherheit eines unserer tiefsten menschlichen Bedürfnisse ist.

Vielleicht, weil Ohnmacht schwer auszuhalten ist.

Vielleicht auch, weil Wut oft dort entsteht, wo Menschen sich nicht mehr gehört, nicht mehr geschützt oder nicht mehr ernst genommen fühlen.

Als Traumatherapeutin weiß ich, dass dauerhafte Sicherheit niemals durch Angst entsteht.

Und sie entsteht auch nicht dadurch, dass Menschen lernen, noch schneller oder härter zurückzuschlagen.

Sicherheit entsteht dort, wo Vertrauen wachsen kann.

Vertrauen in Beziehungen.

Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

Und auch Vertrauen in die Institutionen einer Gesellschaft.

Gerade deshalb halte ich Citizen Vigilante für einen Film, über den man sprechen sollte.

Nicht, weil er Antworten liefert.

Sondern weil er Fragen aufwirft, denen wir uns als Gesellschaft stellen müssen.

Wie schaffen wir Sicherheit, ohne Angst zum politischen Motor werden zu lassen?

Wie begegnen wir Gewalt, ohne selbst in Gewalt zu verfallen?

Und wie gelingt es, Vertrauen wieder wachsen zu lassen, wenn es einmal verloren gegangen ist?

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieses Films.

Er hat mich nicht mit seinen Antworten überzeugt.

Er hat mich gezwungen, über die richtigen Fragen nachzudenken.

Vielleicht besteht die eigentliche Tragik des Films darin, dass sich mehrere traumatisierte Systeme gegenüberstehen. Menschen, die Gewalt erfahren haben. Menschen, die Gewalt ausüben. Menschen, die Gewalt beobachten. Der Film zeigt eindrücklich, wie Gewalt weitergegeben werden kann. Die Frage, wie dieser Kreislauf durchbrochen werden kann, bleibt jedoch offen.

Meine Empfehlung - schau dir den Film nicht an!

Der Film hat mich nicht überzeugt.

Er hat mich beschäftigt.

Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke.

Er zwingt uns, über Trauma, Gewalt, Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt nachzudenken.

Anschauen würde ich ihn trotzdem nicht empfehlen.

Nicht wegen seiner politischen Botschaft.

Sondern weil ich glaube, dass unser Nervensystem solche Bilder nicht braucht, um die richtigen Fragen zu stellen.

photo 1518770352423 dce09a3d3307?crop=entropy&cs=srgb&fm=jpg&ixid=M3wxOTg1NDZ8MHwxfHNlYXJjaHw0OXx8dHJlZXxlbnwwfHx8fDE3ODMxMDcxNTJ8MA&ixlib=rb 4.1


Shivani Allgaier
Shivani Allgaier
Ich bin Diplompsychologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. In meinen Texten verbinde ich fachliche Tiefe mit einer klaren Sprache – damit du das, was innerlich wirkt, auch verstanden kannst. Manche Blogbeiträge entstehen in Zusammenarbeit mit ChatGPT – als Werkzeug, das mir hilft, Gedanken zu sortieren, Strukturen zu finden oder Formulierungen zu schärfen. Die Inhalte selbst basieren auf meiner eigenen Erfahrung und Verantwortung. Wenn du das Gefühl hast, dass dich meine Texte wirklich erreichen, dann lass uns sprechen und hole dir einen Termin mit mir.

Newsletter

Meine Worte berühren dich?

Dann trag dich gern hier ein und komm in meinen inneren Kreis – für ehrliche Impulse, stille Kraft und kleine Erinnerungen an dich selbst.

Deine Daten sind sicher. Hier ist unsere Datenschutzerklärung.

Noch keine Kommentare vorhanden

Was denkst du?

© 2026 Shivani Allgaier
AGBDatenschutzImpressum
..
Powered by Chimpify