Meine Worte berühren dich?
Dann trag dich gern hier ein und komm in meinen inneren Kreis – für ehrliche Impulse, stille Kraft und kleine Erinnerungen an dich selbst.

Heute ist wieder Blognacht bei Anna Koschinski. Bereits die 70. Ausgabe. Ein kleines Jubiläum. Juhuuu. Wir schreiben wieder alle zu einem bestimmten Thema. Über 20 bloggwillige versammeln sich im Zoom Raum. Und nach einer blumigen Einführung offenbart mit einem gedachten Trommelwirbel das Thema des Abends: Vorbilder.
Als ich das Motto gelesen habe, musste ich zunächst überlegen. Wer sind eigentlich meine Vorbilder? Und noch spannender: Waren das schon immer dieselben Menschen?
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass sich unsere Vorbilder im Laufe des Lebens verändern. Als Kind bewundern wir oft Menschen, die stark, mutig oder besonders klug erscheinen. Später orientieren wir uns vielleicht an Menschen, die beruflich erfolgreich sind, scheinbar alles im Griff haben oder ein Leben führen, das wir uns ebenfalls wünschen.
Doch irgendwann verändert sich der Blick. Es geht weniger darum, jemandem ähnlich zu werden. Stattdessen beginnt eine andere Frage interessant zu werden: Warum berührt mich gerade dieser Mensch?
Aus meiner Sicht verraten unsere Vorbilder oft weniger über sie als über uns selbst. Sie machen sichtbar, wonach wir uns sehnen, welche Fähigkeiten wir in uns entwickeln möchten oder welche Seite von uns bisher wenig Raum bekommen hat.
Vielleicht sind Vorbilder deshalb viel mehr als Menschen, zu denen wir aufschauen. Vielleicht sind sie ein Spiegel unserer eigenen Entwicklung.
Darüber möchte ich heute schreiben.
Wenn wir geboren werden, kommen wir nicht mit einem fertigen Bild davon auf die Welt, wie Leben funktioniert. Wir beobachten. Wir ahmen nach. Und wir lernen durch Beziehung.
Schon kleine Kinder schauen ganz genau hin. Wie spricht Mama mit anderen Menschen? Wie reagiert Papa auf Schwierigkeiten? Wer tröstet mich, wenn ich traurig bin? Wer vermittelt mir Sicherheit?
Die Entwicklungspsychologie geht davon aus, dass Kinder einen großen Teil ihres Verhaltens über Beobachtung und Nachahmung lernen. Eltern und andere enge Bezugspersonen werden dadurch ganz selbstverständlich zu den ersten Vorbildern. Dabei übernehmen Kinder häufig viel mehr als nur einzelne Verhaltensweisen. Sie entwickeln Vorstellungen darüber, wie Beziehungen funktionieren, wie Konflikte gelöst werden und welchen Platz sie selbst in der Welt haben.
Später kommen weitere Vorbilder hinzu. Lehrer, Trainer, Musiker, Sportler oder Figuren aus Büchern und Filmen. Manche beeindrucken uns durch ihren Mut, andere durch ihre Freundlichkeit, ihre Stärke oder ihren Humor. Auf jeden Fall aber durch das Gefühl, das sie uns vermitteln.
Interessant ist dabei, dass wir diese Menschen meist nicht als Ganzes bewundern. Oft ist es eine bestimmte Eigenschaft, die uns fasziniert. Vielleicht der Mut, für sich einzustehen. Die Fähigkeit, ruhig zu bleiben. Oder die Leichtigkeit, mit der jemand durchs Leben zu gehen scheint.
Wenn ich an meine eigenen Vorbilder denke, fällt mir als Erstes Pippi Langstrumpf ein. Als Kind hätte ich wahrscheinlich gesagt, weil sie so stark war. Heute glaube ich, dass mich etwas anderes angezogen hat: ihre Freiheit. Pippi ließ sich nicht vorschreiben, wie sie zu leben hatte. Sie dachte selbst, stellte Regeln infrage und hatte ein feines Gespür für Gerechtigkeit.
Das zweite Vorbild überrascht mich bis heute. Als meine Oma einige Wochen im Krankenhaus lag, lernte ich dort eine Krankenschwester kennen. Ich weiß ihren Namen längst nicht mehr. Ich erinnere mich auch kaum an ihr Gesicht. Aber irgendetwas an ihr hat mich tief beeindruckt. Vielleicht war es ihre Ruhe. Vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich um Menschen kümmerte. Damals konnte ich das nicht benennen. Heute frage ich mich, ob dort schon etwas angeklungen ist, das viele Jahre später zu meinem eigenen Beruf geworden ist.
Heute sind meine Vorbilder wieder andere. Einer davon ist Ulf Poschardt. Nicht, weil ich jede seiner Positionen teilen würde. Mich beeindruckt vielmehr seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen und Gedanken so zu formulieren, dass sie Klarheit schaffen. Diese Präzision im Denken und Schreiben bewundere ich sehr.
Wenn ich all diese Menschen nebeneinander betrachte, erkenne ich einen gemeinsamen Nenner. Mich haben offenbar nie bestimmte Berufe oder ein besonderer gesellschaftlicher Status beeindruckt. Es waren immer Eigenschaften.
Unabhängiges Denken. Der Mut, Dinge zu hinterfragen. Ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Menschen zu helfen. Komplexe Zusammenhänge zu verstehen und sie verständlich auszudrücken.
Vielleicht sind genau das die Themen, die mich mein Leben lang begleiten. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung von Vorbildern. Sie zeigen uns nicht, wer wir werden sollen. Sie machen sichtbar, was uns im Innersten wichtig ist und welche Fähigkeiten wir selbst entwickeln möchten.
Als Kinder geschieht diese Orientierung ganz selbstverständlich. Wir brauchen Menschen, an denen wir wachsen können. Sie geben uns Halt und helfen uns dabei, Schritt für Schritt herauszufinden, wie wir selbst unseren Platz im Leben finden.
Erst viel später beginnt sich eine andere Frage zu stellen: Bin ich eigentlich dabei, meinen eigenen Weg zu entdecken oder versuche ich noch immer, so zu werden wie jemand anderes?
Mit der Pubertät verändert sich etwas Grundlegendes. Während Kinder vor allem Orientierung suchen, beginnt für Jugendliche die Aufgabe, eine eigene Identität zu entwickeln.
Plötzlich reichen die Antworten der Eltern nicht mehr aus. Eigene Erfahrungen werden wichtiger. Freundschaften gewinnen an Bedeutung, neue Interessen entstehen und häufig treten Menschen in den Vordergrund, die eine ganz andere Art zu leben verkörpern als die eigene Familie.
Von außen wirkt das manchmal wie eine Phase des Widerspruchs oder der Rebellion. Entwicklungspsychologisch betrachtet ist es jedoch ein wichtiger Schritt. Jugendliche beginnen, sich von ihren ersten Vorbildern abzugrenzen, um herauszufinden, wer sie selbst sind.
In dieser Zeit wechseln Vorbilder oft. Vielleicht ist es ein Musiker, ein Sportler, eine Lehrerin oder jemand aus dem eigenen Umfeld. Gemeinsam haben diese Menschen meist, dass sie etwas ausstrahlen, das den Jugendlichen fehlt oder das sie gerne stärker in sich selbst entwickeln würden.
Rückblickend erkennen viele Erwachsene, dass ihre Vorbilder nie zufällig waren. Sie standen häufig für Eigenschaften wie Freiheit, Selbstbewusstsein, Kreativität oder Unabhängigkeit. Eigenschaften also, die damals eine besondere Bedeutung hatten.
Auch im Erwachsenenalter hört dieser Prozess nicht auf. Unsere Vorbilder verändern sich mit uns. Während wir früher vielleicht Erfolg, Schönheit oder Anerkennung bewundert haben, beeindrucken uns später oft ganz andere Qualitäten. Gelassenheit. Authentizität. Mitgefühl. Die Fähigkeit, klare Grenzen zu setzen. Oder Menschen, die auch in schwierigen Zeiten mit sich selbst verbunden bleiben.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung von Vorbildern. Sie zeigen uns nicht, wer wir werden sollen. Sie machen sichtbar, welche Seiten in uns selbst darauf warten, entdeckt und gelebt zu werden.
Hast du dich schon einmal gefragt, warum dich ein bestimmter Mensch so beeindruckt?
Oft lautet die erste Antwort: *Weil er so mutig ist.* Oder: *Weil sie so gelassen wirkt.* Vielleicht bewunderst du jemanden für seine Kreativität, seine Herzlichkeit oder dafür, dass er sich auch in schwierigen Situationen treu bleibt.
Doch aus psychologischer Sicht lohnt sich ein zweiter Blick.
Was wir an anderen bewundern, sagt häufig weniger über diese Person aus als über uns selbst. Es macht sichtbar, wonach wir uns sehnen, welche Fähigkeiten wir in uns entwickeln möchten oder welche Anteile in unserem Leben bisher zu wenig Raum bekommen.
Vielleicht berührt dich ein Mensch, der scheinbar mühelos Grenzen setzt. Dann könnte genau dieses Thema gerade zu deiner eigenen Entwicklung gehören.
Vielleicht bewunderst du jemanden, der voller Vertrauen durchs Leben geht. Möglicherweise wünschst du dir selbst mehr innere Sicherheit.
Kinder wählen ein Vorbild oft aufgrund einer einzigen Eigenschaft, die jemand hat. Woran denkst, du, wenn du Harry Potter vor dir siehst oder Superman? Was verkörpert für dich Hermine oder Elsa aus die Eiskönigin?
Oder du begegnest einer Frau, die ganz selbstverständlich ihren eigenen Weg geht, ohne sich ständig zu erklären oder es allen recht machen zu wollen. Vielleicht spürst du dann weniger den Wunsch, so zu sein wie sie. Vielleicht erkennst du vielmehr, dass genau diese Freiheit auch in dir angelegt ist.
In der therapeutischen Arbeit erlebe ich diesen Zusammenhang immer wieder. Menschen erzählen von Personen, die sie faszinieren oder tief beeindrucken. Wenn wir gemeinsam genauer hinschauen, wird oft deutlich, dass sie gar nicht den ganzen Menschen bewundern. Es sind einzelne Eigenschaften, die sie anziehen.
Das ist eine wichtige Erkenntnis.
Denn niemand muss zu einer Kopie seines Vorbildes werden. Es geht nicht darum, ein anderes Leben zu übernehmen. Vielmehr können Vorbilder uns helfen, unsere eigene Richtung klarer zu erkennen.
Vielleicht sind sie deshalb weniger ein Ziel als vielmehr ein Wegweiser. Sie zeigen nicht, wer wir sein sollen. Sie weisen auf etwas hin, das bereits in uns vorhanden ist und darauf wartet, gelebt zu werden.
Vorbilder können inspirieren. Sie können Mut machen und neue Möglichkeiten sichtbar werden lassen. Doch sie können auch Druck erzeugen.
Das geschieht vor allem dann, wenn aus Bewunderung ein ständiger Vergleich wird.
Vielleicht kennst du Gedanken wie:
*Warum bekomme ich das nicht hin?*
*Warum bin ich nicht so mutig wie sie?*
*Warum wirkt bei ihm alles so leicht, während ich ständig kämpfe?*
In solchen Momenten verändert sich der Blick. Wir sehen nicht mehr den Menschen, der uns inspiriert. Stattdessen richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns vermeintlich fehlt.
Gerade in Zeiten sozialer Medien passiert das schnell. Wir sehen Ausschnitte aus dem Leben anderer Menschen. Erfolge, glückliche Beziehungen, Reisen, sportliche Leistungen oder berufliche Meilensteine. Was wir meist nicht sehen, sind die Zweifel, Rückschläge und langen Entwicklungswege, die ebenfalls zu diesem Leben gehören.
Vergleiche haben noch einen weiteren Haken. Sie setzen voraus, dass zwei Menschen dieselben Voraussetzungen mitbringen. Doch jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Herausforderungen. Ein Vergleich kann dieser Einzigartigkeit kaum gerecht werden.
Der Unterschied liegt deshalb weniger im Vorbild selbst als in unserer Haltung.
Ein inspirierendes Vorbild löst den Gedanken aus:
*"Wenn dieser Mensch diese Fähigkeit entwickeln konnte, dann kann auch ich wachsen."*
Ein belastender Vergleich dagegen klingt eher so:
*"Ich werde nie so sein wie er oder sie."*
Zwischen diesen beiden Sichtweisen liegen Welten.
Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage: Schaut mich mein Vorbild von einem unerreichbaren Podest aus an oder öffnet es mir eine Tür zu meinen eigenen Möglichkeiten?
Ein gutes Vorbild macht nicht klein. Es erinnert uns daran, dass Entwicklung möglich ist. Auf die eigene Weise und im eigenen Tempo.
Je länger ich über das Thema nachgedacht habe, desto mehr hat sich für mich eine Frage in den Vordergrund geschoben:
Was ist eigentlich der Sinn eines Vorbildes?
Geht es wirklich darum, so zu werden wie ein anderer Mensch?
Ich glaube nicht.
Ein gutes Vorbild lädt uns nicht dazu ein, unser eigenes Leben gegen das eines anderen einzutauschen. Es macht vielmehr sichtbar, was auch in uns angelegt ist. Es zeigt eine Möglichkeit auf, ohne zu verlangen, dass wir denselben Weg gehen.
Vielleicht bewundern wir an einem Menschen seinen Mut. An einem anderen seine Gelassenheit. An einem dritten seine Klarheit oder seine Herzlichkeit. Doch diese Eigenschaften gehören nicht ihm allein. Sie sind menschliche Fähigkeiten, die jeder von uns entwickeln kann, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise.
Deshalb ist das eigentliche Geschenk eines Vorbildes nicht, dass wir ihm folgen. Es ist die Einladung, uns selbst besser kennenzulernen.
Vielleicht beginnt genau dort persönliche Entwicklung. In dem Moment, in dem wir aufhören zu fragen: *Wie kann ich werden wie dieser Mensch?* und stattdessen fragen: *Was berührt mich an ihm so sehr? Welche Seite in mir möchte gerade wachsen?*
Mit der Zeit verändert sich dadurch oft auch unser Blick auf Vorbilder. Sie stehen immer weniger auf einem Podest. Wir erkennen ihre Stärken, sehen aber auch ihre Ecken und Kanten. Und das ist gut so. Denn niemand muss perfekt sein, um andere zu inspirieren.
Vielleicht ist das sogar das Kennzeichen eines wirklich guten Vorbildes: Es macht sich mit der Zeit selbst überflüssig.
Nicht, weil wir den Menschen nicht mehr schätzen. Sondern weil wir gelernt haben, unserer eigenen inneren Stimme mehr zu vertrauen.
Dann wird aus Bewunderung etwas Neues.
Dankbarkeit.
Und die Gewissheit, dass der eigene Weg zwar anders aussehen darf, aber genau der richtige ist.
Meine Worte berühren dich?
Dann trag dich gern hier ein und komm in meinen inneren Kreis – für ehrliche Impulse, stille Kraft und kleine Erinnerungen an dich selbst.
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