Meine Worte berühren dich?
Dann trag dich gern hier ein und komm in meinen inneren Kreis – für ehrliche Impulse, stille Kraft und kleine Erinnerungen an dich selbst.

Du greifst nach deinem Handy und merkst erst danach, dass du eigentlich gar nichts nachsehen wolltest. Du tippst ein vertrautes Wort, ohne jede einzelne Taste zu suchen. Oder du sagst auf eine Bitte sofort Ja und fragst dich kurz darauf, warum du nicht erst nachgedacht hast.
Im Alltag nennen wir solche Vorgänge oft „unterbewusst“. Aber was ist das Unterbewusstsein eigentlich? Was geschieht dabei in uns – und wie können wir besser verstehen, weshalb wir manchmal so schnell und selbstverständlich reagieren?
Mit Unterbewusstsein meinen wir im Alltag meist psychische Vorgänge, die unser Wahrnehmen, Denken und Handeln beeinflussen, ohne dass wir sie gerade bewusst bemerken. Dazu können gelernte Verknüpfungen, eingeübte Abläufe und automatische Bewertungen gehören.
Der Ausdruck ist ein Sammelbegriff. Für eine genauere Erklärung lohnt es sich, die jeweiligen Vorgänge einzeln zu betrachten: Geht es um eine Gewohnheit? Um etwas Gelerntes, das du anwenden kannst, ohne dich an das Lernen zu erinnern? Oder um eine spontane Einschätzung, deren Entstehung dir nicht bewusst ist?
Die psychologische Forschung untersucht solche Phänomene unter anderem als implizites Lernen, implizites Gedächtnis und nicht bewusste Verarbeitung. Eine Übersichtsarbeit zu implizitem Wissen (1) beschreibt, wie Wissen und Erfahrungen wirksam werden können, ohne dass Menschen sie bewusst abrufen.
Für diesen Artikel verwenden wir „Unterbewusstsein“ als alltagsnahen Oberbegriff für solche Vorgänge. Die Vorstellung einer eigenen Person in deinem Inneren, die alles weiß und im Verborgenen Entscheidungen für dich trifft, hilft dabei wenig.
Bewusst ist dir beispielsweise, dass du gerade diesen Satz liest. Vielleicht bemerkst du auch, wie du sitzt oder ob es im Raum warm ist. Deine Aufmerksamkeit richtet sich auf etwas, das du unmittelbar erlebst.
Gleichzeitig musst du nicht absichtlich entscheiden, wie du jeden Buchstaben erkennst. Beim Lesen greifen viele gelernte Vorgänge ineinander. Das Ergebnis ist dir zugänglich: Du verstehst einen Satz. Wie dieses Verständnis im Einzelnen entsteht, beobachtest du dabei nicht.
„Unterbewusst“ und „unbewusst“ werden im Alltag häufig ähnlich verwendet. In fachlichen Zusammenhängen kommt es auf das jeweilige Modell an. Die kognitive Psychologie fragt etwa danach, wie Informationen ohne bewusste Wahrnehmung verarbeitet werden. Psychoanalytische Ansätze beschäftigen sich unter anderem mit unbewussten Wünschen und Konflikten. Diese Bedeutungen sollte man nicht einfach gleichsetzen. Die Milton Erickson Gesellschaft für Hypnose fasst hier ihre Gedanken zu Hypnose (2) zusammen. Du erfährst im Link, wie diese Verarbeitungsmodalitäten genützt werden können.
Für deinen Alltag ist zunächst eine einfache Unterscheidung hilfreich: Was nehme ich gerade wahr – und was erschließe ich erst im Nachhinein aus meiner Reaktion?
Vieles, was wir einmal mühsam gelernt haben, gelingt später mit weniger bewusster Aufmerksamkeit. Drei Beispiele machen die unterschiedlichen Seiten anschaulich.
Beim Tippen musstest du anfangs vielleicht jeden Buchstaben suchen. Mit Übung finden deine Finger viele Tasten, ohne dass du ihre Position bewusst benennen musst. Du kannst dich stärker darauf konzentrieren, was du schreiben möchtest.
Solche Fertigkeiten zeigen: Du kannst etwas beherrschen, ohne jeden Bestandteil des Könnens erklären zu können. Das ist eine alltägliche Stärke unseres Lernens.
Stell dir vor, du setzt dich abends aufs Sofa und öffnest fast nebenbei eine bestimmte App. Der Ort und der vertraute Ablauf können zum Hinweisreiz für das Verhalten geworden sein.
Die Forschung zu Gewohnheiten (3) beschreibt, wie wiederholt ausgeführte Handlungen mit wiederkehrenden Situationen verknüpft werden. Deshalb kann ein Verhalten einsetzen, obwohl du es nicht jedes Mal neu beschlossen hast.
Ein weiteres Beispiel: Jemand bittet dich um Hilfe. Du antwortest sofort: „Klar, mache ich.“ Erst später bemerkst du, dass dir dafür Zeit und Kraft fehlen.
Vielleicht kennst du dieses schnelle Zustimmen bereits aus anderen Situationen. Daraus lässt sich aber noch nicht ablesen, warum es geschieht. Eine eingeübte Höflichkeit, der Wunsch zu helfen oder Sorge vor einer unangenehmen Reaktion kommen als mögliche Erklärungen infrage. Welche davon passt, lässt sich nur mit Blick auf die konkrete Situation erkunden.
Die Frage klingt, als gäbe es im Inneren einen abgeschlossenen Raum mit Regalen voller Erinnerungen. Als Bild ist das leicht vorstellbar. Für das Gedächtnis ist es jedoch zu einfach.
Manche Erfahrungen kannst du bewusst erzählen: etwa, wo du gestern warst. Anderes zeigt sich eher in deinem Können oder deinen Reaktionen. Du fährst Fahrrad, ohne dir jede einzelne Bewegung als Anweisung ins Gedächtnis zu rufen. Bei solchen Unterscheidungen spricht die Forschung unter anderem von explizitem und implizitem Gedächtnis.
Dabei wird nicht jede Erfahrung vollständig und unverändert aufbewahrt. Erinnern ist keine originalgetreue Wiedergabe einer Aufnahme. Es ist ein rekonstruktiver Vorgang, bei dem Informationen zusammengefügt werden und Fehler entstehen können. Das erläutert der Gedächtnisforscher Daniel Schacter in seiner Übersicht zum konstruktiven Gedächtnis (4).
Ein starkes Gefühl liefert deshalb für sich genommen keinen sicheren Beweis für ein bestimmtes vergangenes Ereignis. Du darfst ernst nehmen, was du heute empfindest, und zugleich offenlassen, wie es entstanden ist.
Ein möglicher Einstieg ist, eine überschaubare Alltagssituation genauer anzusehen. Du musst dafür keine verborgene Botschaft entschlüsseln. Beginne mit dem, was du tatsächlich beobachten kannst.
Nehmen wir das schnelle Ja auf eine Bitte. Wenn du später merkst, dass dir die Zusage nicht entspricht, kannst du dir vier Fragen notieren:
Ein möglicher Satz wäre: „Ich schaue nach und gebe dir später Bescheid.“
Diese Fragen sind eine Anregung zur Selbstbeobachtung. Sie zeigen dir nicht automatisch die Ursache deiner Reaktion. Sie können aber helfen, Beobachtung und Erklärung auseinanderzuhalten. „Ich habe sofort Ja gesagt“ ist eine Beobachtung. „Ich darf niemanden enttäuschen“ ist zunächst eine mögliche Erklärung, die du prüfen kannst.
Schau auch auf die Gegenwart: Wie formuliert die andere Person ihre Bitte? Lässt sie dir Zeit? Akzeptiert sie eine Absage? Nicht jedes unangenehme Gefühl muss auf ein altes Muster zurückgeführt werden. Das aktuelle Verhalten deines Gegenübers gehört ebenso zur Situation.
Eine vollständige Kontrolle über alle unbewussten Vorgänge ist kein realistisches Alltagsziel. Bei einem konkreten Verhalten kannst du jedoch ansetzen: Wann tritt es auf, wodurch wird es angestoßen und welche Alternative möchtest du einüben?
Wenn dich beispielsweise das beiläufige Öffnen einer App stört, könntest du ausprobieren, das Handy während einer bestimmten Tätigkeit außer Reichweite zu legen. Damit veränderst du eine konkrete Situation. Ob es dir hilft, lässt sich beobachten. Die Gewohnheitsforschung betont die Bedeutung solcher situativen Auslöser; daraus folgt kein Versprechen, jedes Muster beliebig verändern zu können.
Der Begriff bezeichnet hier viele unterschiedliche Vorgänge, für die es keinen gemeinsamen Ausschalter gibt. Einige davon ermöglichen gerade, dass vertraute Tätigkeiten ohne ständiges Nachdenken gelingen. Sinnvoller ist daher die Frage: Welcher konkrete Ablauf beschäftigt mich? Und weiter unten zeige ich dir noch eine Möglichkeit, wie du Einfluß auf unterbewusste Abläuft haben kannst.
Für den Anteil „des Unterbewusstseins“ an unserem gesamten Denken und Handeln lässt sich keine verlässliche pauschale Prozentzahl angeben. Schon die Frage lässt offen, was gezählt wird: einzelne Reize, Verarbeitungsschritte, Entscheidungen oder Handlungen? Die hier verwendeten Quellen liefern dafür keinen einheitlichen Gesamtwert.
Wenn eine Reaktion dich beschäftigt, kannst du sie zum Anlass nehmen, genauer hinzusehen. Eine eindeutige Botschaft lässt sich daraus nicht einfach ablesen. Frage lieber: Was habe ich bemerkt? Was war gerade los? Welche Erklärungen sind möglich? Und welche Informationen fehlen mir noch?
Mit dem Wort Unterbewusstsein beschreiben wir vieles, das uns beeinflusst, ohne ständig im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu stehen. Ein Teil davon erleichtert den Alltag. Andere Abläufe fallen uns auf, weil sie nicht mehr zu dem passen, was wir heute möchten.
Du kannst mit einer kleinen, konkreten Beobachtung beginnen: In welcher Situation reagierst du regelmäßig schneller, als du möchtest? Was fällt dir auf, wenn du diese Situation genauer beschreibst?
Es darf zunächst bei einer offenen Frage bleiben. Du musst die gesamte Geschichte einer Reaktion nicht kennen, um auszuprobieren, wie du beim nächsten Mal mit ihr umgehen möchtest.
Wer als Kind immer wieder um Zuwendung kämpfen musste, erwartet möglicherweise auch später: „Ich muss mich sehr anstrengen, damit jemand für mich da ist.“ Das kann sich so selbstverständlich anfühlen, als wäre es ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Doch solche Erwartungen sind gelernt und sie können sich auch wieder verändern.
In therapeutischer Arbeit lassen sich diese Muster aufgreifen. Dabei kann sich verändern, was im heutigen Erleben immer noch präsent ist, worin frühere Erfahrungen bis heute nachwirken. Das Resultat ist: Ganz neue Beziehungserfahrungen können hinzukommen: Du darfst etwas brauchen. Du musst Verbindung nicht allein herstellen. Und du kannst Nähe erleben, ohne dich dabei ständig zu überfordern.
Veränderung kann bedeuten, dass du in einer vertrauten Situation plötzlich mehr Freiheit spürst: Du musst dich nicht sofort rechtfertigen, noch mehr leisten oder zurückziehen. Wie sich dieser Spielraum entwickelt, ist individuell. Was sich heute unausweichlich anfühlt, muss nicht so bleiben.
Wie diese Arbeit konkret aussehen kann, erfährst du im kommenden Beitrag „Unbewusste Beziehungsmuster verändern: Wenn alte Erwartungen ihre Macht verlieren“.
(1) Schacter, D. L. (1992). Implicit knowledge: New perspectives on unconscious processes. Proceedings of the National Academy of Sciences, 89(23), 11113–11117. https://doi.org/10.1073/pnas.89.23.11113. Die Übersichtsarbeit beschreibt, wie Wissen und frühere Erfahrungen unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen können, ohne dass wir uns bewusst daran erinnern.
(2) Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose e. V. (o. J.). Zu Hypnose. https://www.meg-hypnose.de/zu-hypnose/. Die Fachgesellschaft erläutert, wie in hypnotischer Trance Aufmerksamkeit, innere Bilder und unwillkürliche Prozesse therapeutisch genutzt werden, um eigene Ressourcen zugänglich zu machen und gewohnte Reaktionsmuster zu verändern.
(3) Wood, W., & Rünger, D. (2016). Psychology of Habit. Annual Review of Psychology, 67, 289–314. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-122414-033417. Die Übersichtsarbeit beschreibt, wie Gewohnheiten durch wiederholtes Handeln in ähnlichen Situationen entstehen und durch vertraute situative Reize ausgelöst werden können.
(4) Schacter, D. L. (2012). Constructive memory: Past and future. Dialogues in Clinical Neuroscience, 14(1), 7–18. Volltext im Harvard-Repositorium. Die Übersichtsarbeit erläutert, dass Erinnerungen keine unveränderten Aufzeichnungen der Vergangenheit sind, sondern beim Erinnern rekonstruiert werden und dabei auch Verzerrungen entstehen können.
Meine Worte berühren dich?
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